Mobbing in Familien und Gesellschaft

Was ist der Unterschied zwischen Mobbing und “normalem“ Streit? Streitigkeiten und Konflikte haben klar zu benennende Anlässe – wer bekommt das größere Stück Pizza, warum kriegt der Ältere so viel mehr Taschengeld, warum hat der Partner schon wieder nicht angerufen und seine Verspätung angekündigt etc.. Oft sind diese Anlässe regelrecht “chronisch“ geworden, sozusagen wunde Punkte des Familiensystems. Systemisches Mobbing hingegen findet statt, wenn die getrennt lebende Mutter (oder umgekehrt) mal wieder nicht zurückgerufen wird, weil der andere Elternteil das so manipuliert hat (“du kannst doch später anrufen, mach jetzt erstmal das und das…“). Es findet statt, wenn Geschwister die präzise wahrgenommenen Schwächen des anderen Geschwisters ausnutzen, um sie oder ihn auszuschließen oder zurückzudrängen. Das ist in solchen Fällen kein Streit, sondern manipulierende Kommunikation, die letztlich Mobbing ist oder dazu wird. Die Großmutter rollt vor dem Enkel die Augen nach oben, weil die Mutter mal wieder schusselig etwas verschüttet hat. “Schau mal, Kleine, wie dumm doch deine Mutter ist…“. Auch hier dreht es sich nicht um Streit, sondern um Mobbing. Es ließe sich auch als mehr oder minder feindliche Interaktion oder Kommunikation beschreiben oder im gerade gängigen Jargon des psychologischen Milieus als “toxisches Beziehungsverhalten“ – wie auch immer: Solche Situationen sind oftmals alltägliches “Beziehungsbrot“ in vielen Familien. Man könnte sogar befürchten: es wird mittlerweile nicht mehr so viel gestritten, es wird viel mehr gemobbt – in den Familien und auch in der Gesellschaft.

 

Mobbing ist die Folge einer schwelenden Respektlosigkeit, eines vergifteten emotionalen Klimas, einer fehlenden Kultur des Auseinandersetzung, einer Feigheit im direkten Umgang und vieles mehr. Es ist auch die Folge eines fehlenden Miteinanders, welches die Folge fehlender Vorbilder und/oder gescheiterter Erziehung ist. Insofern ist es leider folgerichtig, dass unsere Gesellschaft und Kultur sich von einer lebendigen und oft beschworenen “Streitkultur“ zu einer Gesellschaft des “Dissens“ und “Mobbings“ hinentwickelt. Dies aber gilt es mit allen Kräften der Kommunikation und der Kultur zu verhindern.

 

Unter Mobbing wird – normalerweise – ein bösartiges und hinterhältiges Verhalten an Schulen und Arbeitsplätzen verstanden. Menschen fügen hier untereinander Schaden zu, indem sie versuchen, die soziale und psychische Sicherheit eines vermeintlichen Gegners zu untergraben, diesen aus dem sozialen Ganzen auszuschließen oder ihn zum eigenen Rückzug zu bewegen, indem ihm kontinuierlich Schaden zugefügt wird – sei es durch üble Nachrede, sei es durch falsche Anschuldigungen, sei es einfach nur durch einen offenen oder subtilen Ausschluss aus der systemischen Kommunikation. Das Ausmaß der psychischen Gewalt kennt hier, bei allem was so zu lesen ist, kaum eine Grenze nach oben. Mobbing der beschriebenen Art mag durch systemische Umstände befördert werden, letztlich geht es aber auf das Verhalten einzelner Individuen zurück (was nicht immer so ist, dazu unten mehr).

 

In Familiensystemen oder aber auch in der Öffentlichkeit als “offener Gesellschaft“ (und als öffentlichem Gesamtsystem) wird der Begriff weniger verwendet – obwohl er bei näherem Hinschauen durchaus angemessen sein kann. In der Gesellschaft spielt dabei das jeweilige politische Klima und das politische System eine entscheidende Rolle. Wurde ich in der ehemaligen DDR durch einen Freund ausspioniert und an die Stasi verraten, war das natürlich auch ein Fall – ein extremer Fall – von gesellschaftlichem Mobbing. Ich füge einem Mitglied der Gemeinschaft ein Übel zu, um es letztlich auszuschließen und in der Gesellschaft zu Fall zu bringen. Auch im demokratischen Rechtsstaat kann es Mobbing geben – und je vergifteter die öffentlichen Diskurse werden, desto wahrscheinlicher gibt es Mobbingopfer. Hier wird dann beispielsweise die Meinungsfreiheit missbraucht, um Gegner im Internet zu beschimpfen, sie aus einer online-community möglicherweise herauszudrängen oder auch einfach nur, um ihren Ruf zu schädigen – das sog. Cyber-Mobbing. Aber auch hier, ebenso wie im Falle des “Verpfeifens“ gibt es letztlich klar auszumachende Opfer und Täter. 

 

Anders, komplizierter und “vergifteter“, wird es, wenn das ›System‹ selbst für ein Mobbing sorgt. Ohne dass die Urheber letztlich zu bestimmen sind: entweder weil sie im System Deckung finden oder weil sie im System (ob bewusst oder unbewusst) gedeckt werden. Oder weil die Kommunikation, die zu einer Mobbing-ähnlichen Situation führt, letztlich systemischen Ursprungs ist und keinesfalls die “böse Absicht“ von irgendjemandem. Gerade das aber ist besonders bösartig. Systemische Gewalt ohne zu benennende Täter. 

 

Beispiele gibt es zu genüge. Auf der Alltagsebene haben diese zunächst mit “rüpelhaftem Verhalten“ zu tun, das viel zu lange geduldet wird oder als Unhöflichkeit durchgeht. Die geduldete Belästigung durch öffentliches Telefonieren ist hier ebenso ein Beispiel wie das fehlende Abstandhalten in Corona-Zeiten. Beides sind systemische Produkte von geduldetem Verhalten, welches durch ein mehrheitliches Gutheißen (“nicht toll, aber was soll’s…“) anfängt, andere unter letztlich akzeptierter Grenzverletzung zu schädigen – “Mobbing“ sei hier noch in Anführungszeichen gesetzt. Aber es ließe sich diskutieren, ob es nicht bereits da anfängt, wo mich die “sensitiven Duldungsgrenzen“ meiner Mitmenschen einfach nicht mehr interessieren. Oft dreht es sich nur um egozentrisches Verhalten, welches aber die Grenze zum Mobbing überschreitet. Wenn mir auf einem breiten Bürgersteig ein Mitbürger entgegenläuft und keinerlei Anstalten macht mit mir in Augenkontakt zu kommen, um zu klären, wie ein “crash“ vermieden werden kann, so zählt für mich auch das schon zu einem mittlerweile etablierten Mobbing-Bereich: “Soll doch der andere ausweichen, oder muss ich mir noch eine Lichthupe besorgen?“ Auch das “von-hinten-Anfahren“ durch Fahrradfahrer (sie selbst sind oft gut durch Helme geschützt) und die selbstverständlich in Kauf genommene Gefährdung meiner Person gehört zum mittlerweile akzeptablen Bereich des systemischen Alltags-Mobbings. 

 

Sicher, das alles lässt sich auch als “Überempfindlichkeit“ herunterreden. Ist doch alles nicht böse gemeint und maximal die Folge von “Unachtsamkeit“. Genau daran aber zeigt sich eben das ›systemische Mobbing‹ – Freigrenzen eines Systems werden allzu gerne genutzt, um sich selbst durchzusetzen und andere abzudrängen: Es ist das “Prinzip der linken Spur“ auf der Autobahn, auf die Gesellschaft übertragen … was soll’s, schließlich ist Überholen erlaubt. Und ein bisschen drängeln ist doch nicht gleich Nötigung. 

 

Das Fatale an derlei gesellschaftlicher Veränderung ist, dass letztlich die Tugend der Rücksicht und das kooperative Wissen um das Recht und auch um die Schutzwürdigkeit des anderen ausgehebelt werden. Dies führt früher oder später zur Gewalt. Nicht zuletzt, weil sich mögliche Opfer auch zu wehren beginnen und den systemischen Missbrauch auf das “individuelle Mobbing“ des Einzelnen zurückbrechen. Letzterer hat es aber vielleicht wirklich gar nicht “böse gemeint“ in dem entscheidenden Moment und ist dann sehr erstaunt und erbost über die Reaktion des Geschädigten – und wird seinerseits ausfällig.

 

Schlimmer noch, weil subtiler und noch schwerer zu bewerten, wird es wie geschildert im Bereich der Familiensysteme. Schließlich kann es nicht angehen, dass man sich in der kleinsten “Geborgenheitszelle“ (man beachte das Wort…) der Familie mit Ausschluss oder Beschuss begegnet. Die eigentliche Tabuisierung, sich innerhalb der Familie zu schädigen, liegt auf der Hand. So wird bei zerrütteten oder dysfunktionalen Familien dann letztlich von familiärer, häuslicher Gewalt gesprochen, um den schlimmen Zustand zu beschreiben. Dies ist aber i.d.R. bereits die Spitze des Eisbergs. Bevor es “kracht“ haben sich bereits viele Kommunikationen verselbständigt, die sich oft eher als Mobbing bezeichnen ließen, als auf einen “normalen Streit“ zurückzuführen sind.

 

 

 

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